Der „Cholo“ Simeone

... und sein literarischer Fussball

28 APRIL 2015,
„Cholo“ Simeone
„Cholo“ Simeone

Auch wenn ich Fußball nicht gerade gerne mag, muss ich zugeben, dass ich diesen in den letzten Jahren näher beobachtet habe. Die lateinamerikanische Migration nach Europa, dessen Ursprung in den 80ern liegt, ist aufgrund Fußballer in den 90ern und 2000er Jahren verstärkt worden. Dieses Phänomen hat eine wichtige Bedeutung. Viele dieser jungen Spieler kommen im frühen Alter nach Europa und arbeiten für längere Zeit in europäischen Clubs, wie Diego Simeone es auch tat. Simeone, der Trainer von Atlético Madrid, der vor einer Woche das Endspiel der Champions League gegen Real Madrid verloren hat. Trotz alledem ist Simeone der vierte südamerikanische Trainer geworden, der ins Finale einer CL gekommen ist.

Simeone kam mit neunzehn Jahren zum A.C. Pisa (Italien) nach Europa. Er hatte bereits zu dem Zeitpunkt die WM U20 in Saudi Arabien mit der argentinischen Nationalmannschaft hinter sich. Wegen seines Temperaments war er eine Art Kämpfer auf dem Feld, hatte eine beeindruckende Figur, die sich in jedem Spiel vermehrte. All diese Eigenschaften katapultierten ihn zum spanischen Primera Division- zuerst Sevilla und danach Real Madrid, wo er fünf Saisons hintereinander spielte. Auch wenn er desöfteren in der italienischen Liga gespielt hat, der „Cholo“ wurde nach seinem „Comeback“ bei Atlético Madrid eine historische Referenz und Bindemittel zweier Kulturen: Lateinamerika und Spanien.

Er absolvierte seine letzte Saison in Europa (2004-2005) mit dem Trikot der „Colchoneros“ („Matratzenmacher“; so wird die Mannschaft Atlético Madrid genannt). Danach kehrte er nach Argentinien zurück um dort bei Racing vom Fußball Abschied zu nehmen. Dort fängt er seine Karriere als Trainer an und führt Clubs in der ersten argentinischen Division: Racing, Estudiantes de la Plata, River Plate und Sn Lorenzo. Im Jahre 2011 machte er den großen Sprung nach Europa und erreichte den traumhaften Job aller südamerikanischen Trainer: eine europäische Mannschaft führen zu dürfen. Sein ex Club, Atlético Madrid, ermöglicht es ihm, ab dieser Saison das Team zu trainieren. Das Interessanteste bei dem Debüt als Coach in Europa ist: er wurde Meister bei der Europa League 2011-12. Die elf Spieler haben eine Sondereigenschaft, denn mehrere Südamerikaner sind Teil des Teams. Unter anderem ein Brasilianer, der als kleiner Junge (U20) schon in Deutschland spielte: Diego Ribas.

Ribas ist sehr geliebt in Deutschland. Er hatte inzwischen die DFB Pokal mit dem Werder Bremen gewonnen. Seine größte Stärke war die einzigartige Technik um Tore aus weiter Entfernung zu schießen. Eins davon wurde als Tor des Monats und später als „Tor des Jahres 2007“ geehrt. Es war ein Bundesligaspiel zwischen Werder Bremen und Alemannia Aachen. Die deutsche Presse vergab Ribas mehrmals das „Tor des Monats“. Auch wurde er in einigen Saisons als „Fußballer des Jahres“ nominiert und belegte den dritten Platz. Diego Ribas wurde von Wolfsburg verpflichtet, allerdings hatte er Konflikte und Probleme mit dem Trainer Felix Magath. „Diego“, wie er in der Bundesliga von den deutschen Journalisten genannt wird, spielt sehr südamerikanisch. Er ist zwar Individualist aber sehr effektiv. Diese Eigenschaft stimmt nicht mit der Taktik des Trainers überein. Letztendlich zeigt Magath Diego vor dem Sport Kommission des Clubs an. Kurz danach wurde er als Leihspieler angeboten.

Für die Saison 2011-12 interessierte sich Atletico Madrid für Diego. Vor allem wettet der neue Trainer, Simeone, auf diese Spielart „Mann zu Mann“. Er sorgt für eine gute Mannschaft mit nur einem Ziel vor den Augen: die EL. Der „Cholo“ Simeone führt seine gemischte spanisch-lateinamerikanische Mannschaft (mit Brasilianern, Uruguayern, Kolumbianern und Argentiniern) bis zum Endspiel und lässt Lazio, Hannover-96 und Valencia, auf dem Weg hinter sich. Im Finale der Europa League absolviert Simeone sein Magister- und Doktortitel gleichzeitig. Er gewinnt das Spiel gegen Athletic Bilbao mit 3:0. Die Tore werden von den Südamerikaner Radamel Falcao (Kolumbien) und Diego Ribas (Brasilien) geschossen. Der EL Titel gibt Simeone einen besonderen Status, die nur wenige Trainer in einer ersten Saison mit einer europäischen Mannschaft erreichen. Der „Cholo“, so werden Indianer und Mestizen in Lateinamerika genannt, war selbst davon überzeugt, dass es im DNA von Atletico einen südamerikanischen Erfolgsfaktor gibt.

Er arbeitete weiter unter dem gleichen Muster und wurde Meister der spanischen Liga 2013-14. An dieser Stelle schließt sich Diego Costa, der eingebürgerte Brasilianer, an die Mannschaft an. Atletico Madrid wurde zum letzten Mal im Jahr 1996 spanischer Meister, gerade als Simeone noch im Club spielte. Achtzehn Jahren später befreit er selbst die eigene Mannschaft von dem Fluch so lange Zeit ohne Titeln zu verbleiben. Seine Strategie ist ganz eigenartig, denn das Erfolgsrezept hat hauptsächlich mit Migration zu tun. Die Wirbelsäule der Besetzung ist südamerikanisch und verleiht Spielfreude. Die Sprache des Atlético ist spanisch In - und Außerhalb des Fußballfeldes.

Parallel, zum spanischen Primera Division in diesem Jahr, wurde auch die Champions League gespielt. Atlético entwickelte sich. Anfangs der Phase galt er als Außenseiter, trotzdem besiegte er Manchester United, Barcelona und Chelsea. Simeone erreichte einen wichtigen Remis gegen Barza im Viertelfinale im Nou Camp 1:1. An diesem Abend löste Diego Ribas, Simeones Lieblingsspieler, D. Costa in der dreißigsten Minuten ab. Der Trainer ließ sein besten Joker einlaufen. Ribas schoss ein geschichtswürdiges Tor, aus fünfunddreißig Metern Entfernung, das mit Sicherheit im CL Gedächtnis bleiben wird. Es war ein literarisches Tor, der Ball macht eine parabolische Schussbahn dessen Scheitelpunkt mathematisch präzise mit dem rechten Winkel des Tores übereinstimmt: dort wo kein Torwart hinkommt. Diego Ribas schoss mit dieser Technik viele Tore in der Bundesliga: ohne das Tor anzupeilen, seiner Zielsicherheit und der Romantik des Fußballs vertrauend. Mit diesem Remis erreichte der Atleti einen wertvollen Punkt, weshalb Simeone und sein Team das Rückspiel im Stadion „Vicente Calderón“ bestens planen konnten.

So kam Atletico Madrid ins Endspiel der CL. Jedoch ist es gegen Real Madrid alles anders. Simeone dachte, ich kann es mir vorstellen, an Luis Carniglia, Helenio Herrera und Hécto Cuper; die südamerikanische Trainer, die das Finale der Champions erreicht haben, heranzukommen. Carniglia und Herrera wurden Trainersieger, aber H. Cuper verlor zweimal hintereinander das Finale. Mit diesen Archivreferenzen legte „Cholo“ alles auf die Kunst und Literatur, welche im Fußball stecken. Seine Mannschaft ist ein Drittel Wert (in Euro), was die letzten Transfers von Real Madrid anbelangt. Jedoch fuhr er gegen die Strömung. Im Endspiel schoss Atletico ein Tor. Sie verteidigten so gut es geht. In der letzten Minute kam der Ausgleich. Allerdings wurden sie in der Verlängerung deutlich besiegt. Der Trainer fühlte sich diskriminiert und reklamiert den Schiedsrichter die über Nachspielzeit der zweiten Hälfte. In den weiteren Minuten brachte eine Impertinenz, von Real Madrids Spieler Varane, „Cholo“ aus der Vernunft. Er betrat das Spielfeld und ging auf ihn zu. Auf einmal sammelten sich mehrere Leute an. Der Rest der Spieler versuchten den Trainer zu beruhigen, jedoch war es Ihnen nicht möglich. Jedoch betritt er erneut das Gras und ist dieses mal davon überzeugt dem Spieler Manieren beibringen zu wollen. Di Maria und Ribas beruhigten ihn aber rechtzeitig.

Der Trainer hat zu 70% seine Karriere auf europäischen Boden gemacht. Man kann sagen, dass er eine gelungene Mischung zweier Kulturen repräsentiert. Sein Know- How und Fußballleidenschaft sind durch die MIGRATION, das muss ich mit großen Buchstaben erwähnen, bereichert. Aus dem Grund wettete er auf die südamerikanischen Spieler, sportlich mutiert. Wenige Minuten vor dem Endspiel schoss Real Madrid das vierte Tor. Zu dem Zeitpunkt war die Atletico Mannschaft übermüdet und gelang an ihre Grenzen.

Eine Geste des Trainers wurde aus den Tribünen des „Vicente Calderón“ von den Fans gefeiert: sein Zeigefinger unter dem Kinn hebt seinen Kopf nach oben. Kopfhoch Jungs, wollte er damit sagen. Vom Outsider zum Finalist der CL, „Cholo“ Simeone bewiess, dass es im Fußball keine Drehbücher gibt.