Hosianna Mantra

Ein musikalisches Oxymoron

Hosianna Mantra
Hosianna Mantra
30 NOV 2016
von

Mit der dritten Langspielplatte gibt die deutsche Krautrock-Formation von Florian Fricke den elektronischen Bestandteil, der das Debüt-Album Affenstunde und die zweite LP In den Gärten Pharaohs kennzeichneten, auf, um eine meditative und wesentlich akustischere Musik zu erreichen. Der Moog Synthesizer tritt seinen Platz den klassischen Instrumenten der sowohl westlichen als auch orientalischen Überlieferung – Klavier, Cembalo, Oboe, Violine, Sitar, Tanpura, usw. – und besonders der Singstimme ab, die dank der koreanischen Sängerin Djong Yun den neun Kompositionen der Schallplatte eine introspektive und mystische Eigenschaft verleiht.

Tatsächlich bildet der Verzicht auf das wichtigstn technische Medium der deutschen Avantgarde-Bands ein vornehmlicher Wendepunkt in der künstlerischen Karriere der Popol Vuh Leader, weil das Rekordschaffen jenseits dieses Albums der fortschreitenden Abwendung von den Rock-Ursprüngen und dem Experimentieren einer neuen Form der Ausdruckskraft, die christliche Religiosität und hinduistischer Ritualismus verbindet, gewidmet sein werden. Nämlich sind „Hosianna“ und „Mantra“ Begriffe, die auf zwei unterschiedliche Philosophien verweisen: einerseits die Christenliturgie, andererseits die Hinduismus Meditation. Die Hymne und das Gesangrezitieren – die Tatbestandsmerkmale dieser mündlichen Äußerungen der Abendland- und Morgenlandgeistigkeit – bilden die beiden Pole, die, obgleich ideell in einem diametralen Gegensatz zueinander stehen, sich verschmelzen, und eine außerordentliche Hybridisierung beleben.

Der erste Teil der LP ist als Hosianna Mantra betitelt und schließt drei Stücke ein. Die Komposition, die das Plattenalbum eröffnet, Ah!, ist so gut wie eine leichte Klaviersonate, worin einige Schallanpassungen sprunghaft hervortauchen. Der Titel des nächsten Stücks, Kyrie, verweist auf die Missa Solemnis, die Musik ist aber eine Stilmischung, in der der ätherische Gesang der Messevertonungen mit der Zauberei der östlichen Melodien zusammen wohnt. Das dritte Stück – dass der title track auch ist – stellt die Quintessenz dieser kühnen Mischung dar, die musikalisch vereint, was dem Anschein nach wie ein Oxymoron ungewohnlich ist: so wohnt der Zuhörer der Psalmodie von Djong Yun, dem entfremdenden Kontrapunkt der Gitarre und der exotischen Harmonien der Oboe bei.

Der zweite Teil des Plattenalbum ist als Das V Buch Mose betitelt und lässt sich natürlich durch die biblische Erzählung inspirieren. Abschied, das erste Lied, ist ein kurzes und melancholisches Fragment, das die Seligkeit des folgenden Stücks antizipiert. In der Tat, wie der Titel bestätigt, ist Segnung eine Komposition, die mit unglaublicher Feinheit der Instrumente und der Singstimme von dem Gnade und der Güte handelt. Der Schlusssatz – zwischen den beiden gedrängten Interludien Andacht I und II – wird dem Lied Nicht hoch im Himmel zugeteilt; ein Finale, das diesem Album würdig ist, und das die fernöstlich-spirituelle Elemente und die mystizistische Stimmungen, die die LP ganz erfüllt, zusammenfasst.

Der CD-Nachdruck schließt auch einen Bonus Track ein, Ave Maria, der aus Platzgründen am Anfang nicht enthalten war: ein Meisterwerk, das inmitten der anderen Lieder bestimmt nicht entstellt hätte.