Pressefreiheit und Militärdiktatur

Lateinamerika der Achtzigerjahren

Pressefreiheit
Pressefreiheit
28 MAI 2015
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Fast vierzig Jahre nach der Reihe Militärdiktaturen in Mittel- und Südamerika bleibt die Zeit nicht stehen um ein Fazit ziehen zu können. Neben Menschenrechtsverletzungen, Gefolterten, Verschwundenen und Toten gibt es noch ein anderes Thema zu analysieren: Die Pressefreiheit. Argentinien, Bolivien, Brasil, Chile, Paraguay, Peru und Uruguay mussten sich in der Zeit mit seinen stummen Stimmen abfinden. Die Militärregierungen schalteten alle Gegner, Linksparteien, Guerrilla- Organisationen und Künstler aus, denn der Staatsterror kannte keine Gnade. Rodolfo Walsh (Journalist), Pablo Neruda (Literaturnobelpreisträger) -keine Beweismittel-, Victor Jara (Sänger) und viele Anderen mussten mit dem Leben zahlen.

Der Journalist und Übersetzer Rodolfo Walsh schrieb einen „offenen Brief an die Militärjunta“, in dem er massiv die Regierung von General Jorge Rafael Videla kritisierte. Der Text erschien am 24. März 1977 in mehreren Tageszeitungen Buenos Aires. Am nächsten Tag wurde er erschossen und gleichzeitig entführt (nach Zeugenaussagen). Sein Körper wurde nie gefunden, Walsh ist ein Märtyrer der Pressefreiheit. Der „offene Brief an die Militärjunta“ - Carta abierta de un escritor a la Junta Militar - zählt als Dokument der lateinamerikanischen Geschichte.

Jedoch gab es auch mutige Journalisten, Autoren und Musiker, die ihre Protestnachricht hinterließen. Es lässt sich nicht präzise zuordnen, ob die Regierungszensur versagte. Die Bedrohung, wie es hätte sein können, wurde nicht erkannt. Abgesehen von der Tatsache, dass diese Künstler das Glück hatten weiterzuleben. Der Fall versetzt uns in den nicht funktionierenden Zensur-Mechanismen des Militärs.

Der argentinische Schriftsteller Juan Sasturain kam unversehrt davon. Er repräsentiert eine Generation von Grafikern und Comic-Autoren, die scheinbar noch Helden sind. Sasturain studierte Literatur an der Universidad de Buenos Aires und begann im Jahr 1970 bei verschiedenen Zeitungen („El Clarín“ und „La Opinión“) zu arbeiten. Auch wenn Sasturain als Journalist beruflich gearbeitet hat wurde er eher als Autor und Comic-Autor bekannt. 1979 begann Sasturain seine Karriere, er war Redakteur der Zeitung „Super Hum(R)“. Seine Comicfiguren hatten zu dem Zeitpunkt marginale Züge. Zwei Jahre später war er Chefredakteur der Kinderzeitung „Billiken“, dort lernte er Alberto Breccia kennen, mit dem er später den Polit-Comic „Perramus“ schrieb. Durch die Zeitung „Billiken“ erreichte Sasturain eine ganze Lesergeneration, die mit herangewachsen ist, denn die Kinderzeitung war ein Exportprodukt und landete in den Händen von vielen lateinamerikanischen Kindern der 70er und 80er Jahren.

Juan Sasturain ist jedoch nicht nur ein Comic Künstler, sondern auch ein Autor, der wegen der Diktatur für ein neues Bewusstsein der Argentinier gearbeitet hat. Mitten in der schlechten politisch-, wirtschaftlichen Lage des Militärs, neue Demokratie und Glamour der Achtzigerjahren, lieferte er zusammen mit seinem Kollegen Alberto Breccia den Comic „Perramus“ (Zeitschrift Fierro, 1985) in vier folgen. Die Geschichte ist eine Hommage an Amerika (hiermit versteht man Indoamerika-die Amerika der Indianer- und nicht das Land USA), seine Verschwundenen und Toten; Opfer aller Militärdiktaturen. Die Hauptfigur wacht eines Tages ohne Gedächtnis in einem demokratischen Land auf, was Argentinien, Chile, Bolivien oder Peru sein könnte. Er muss sich die Toten einer Diktatur entledigen, flieht an die Küste des Landes und trifft auf eine absurde Realität: US amerikanische Politiker in der Sonne Liegend, Filmregisseure, die Trailer verkaufen und einen erblindeten Borges, der nur für die Bücher lebt. Sasturains Meisterwerk „Perramus“ wurde mit dem „Amnesty International“ Preis gekrönt und gilt bis heute als wichtigster Polit-Comic in Lateinamerika.