Die Sturm-Frauen

Ein Plädoyer für die weibliche Avantgardekunst

26 NOVEMBER 2015
Alexandra Exter, Beleuchtungsmodell für das Theater, 1930
Alexandra Exter, Beleuchtungsmodell für das Theater, 1930

Als vor etwas mehr als drei Jahren das Wuppertaler Von der Heydt-Museum eine Ausstellung anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Gründung der einflussreichen Sturm-Galerie in Berlin veranstaltete, da standen KünstlerINNEN, man lese nur den damaligen Ankündigungstext [1], im Schatten ihrer männlichen Berufsgenossen. Man kann es dem Museum in letzter Instanz nicht vorwerfen, nicht mit Namen wie Marianne von Werefkin, Gabriele Münter oder Jacoba van Heemskerck, sondern solchen wie Kokoschka, Kandinsky oder Chagall zu werben. Wer außerhalb der Ballungszentren Besucher anlocken will, dem geht Popularität über alles. Und wenn es den Künstlerinnen der klassischen Avantgarden an einem mangelt, dann an ebenjener Popularität. Die Frankfurter Schirn wagt nun einen anderen Ansatz: Sie widmet den Sturm-Frauen der Jahre 1910-1932 [2]eine ganze Ausstellung. Folgen wir also ihrem Beispiel und tun etwas, das mit der unausweichlichen Geschlechterfrage überhaupt nichts zu tun hat: Geben wir den Künstlerinnen doch einfach den Platz in der Kunstgeschichte, der ihnen gebührt!

Im großartigen Digitorial [3], das die Schirn zur Ausstellung bereitstellt, ist ein kurzer Ausschnitt eines Briefes von Marianne von Werefkin aus dem Jahre 1905 zu hören, der das Dilemma der Frauen jener Zeit kaum trefflicher auf den Punkt bringen könnte:

„Ich bin nicht feige und ich halte mein gegebenes Wort. Ich bin mir selber treu, grimmig gegen mich selbst, nachsichtig gegen andere. Darin bin ich Mann. Ich liebe den Gesang der Liebe. Darin bin ich Frau. Ich schaffe mir ganz bewusst Illusionen und Träume. Darin bin ich Künstler. Ich bin der beste Kamerad, der anständigste Freund und Künstler im weitesten Sinne des Wortes. Ich bin mehr Mann als Frau. Allein das Bedürfnis zu gefallen und das Mitleid machen mich zur Frau. Ich bin nicht Mann, ich bin nicht Frau, ich bin Ich."

Der starken Aussage zum Schluss gehen Sätze voraus, die im Grunde bis heute nicht überwundene Geschlechterklischees reproduzieren. Marianne von Werefkin stößt in diesen Zeilen dennoch so weit in Richtung einer selbstbewussten Eigenwahrnehmung vor, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur irgend konnte, und fasst damit den Geist einer ganzen Generation weiblicher Kunstschaffender zusammen. Dem Künstlerdasein geht schließlich eines unumgänglich voraus: die Herausbildung einer eigenständigen Künstler(innen)persönlichkeit, jenes von Werefkin beschworene „Ich“ mit großem I. Dies jedoch war beschwerlich in einer Zeit, da man Frauen die Fähigkeit hierzu rundweg absprach. Sie bedurften also eines Forums. „Der Sturm“ lieferte es ihnen.

Die Zeitschrift „Der Sturm“ wurde 1910 von Herwarth Walden[4] gegründet und existierte, bis der Schriftsteller, Komponist und Kunstkritiker 1932 vor den Nationalsozialisten gen Sowjetunion flüchtete, wo er 1941 – bittere Ironie der Geschichte – den stalinistischen Säuberungen zum Opfer fiel. In seiner epochalen Zeitschrift nun gab er den Avantgarden seiner Zeit eine Bühne. Er tat dies ohne jede Voreingenommenheit hinsichtlich der Abstammung – oder des Geschlechtes. So schuf er nicht nur das erste und letzte Publikationsorgan der deutschen Kunstwelt, das europaweit Einfluss erlangte, sondern versetzte mehr als dreißig internationale Künstlerinnen in die Lage, ihre Werke einem breiten Publikum vorzustellen.

Wer die Bilder einer Sonia Delaunay oder Magda Langenstraß-Uhlig betrachtet, dem wird schnell klar, mit welch geradezu seismografischer Sensibilität und charaktervoller Virtuosität diese Malerinnen das Lebensgefühl ihrer Epoche einfingen. Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegs-, später Zwischenkriegs- und wieder Vorkriegszeiten förderten Extreme zutage. Die Sturm-Frauen bannten sie ins Bild. Manches Gemälde ist derart visionär, dass es in Technik und Stil bis ins 21. Jahrhundert vorausweist. So beispielsweise einige beinahe Street Art-hafte Porträts von Gabriele Münter [5]. Schlichtweg faszinierend sind auch die Werke der Russin Alexandra Exter. Ihre futuristisch anmutenden Gemälde, Kostüme und Bühnenbilder lassen erahnen, wie groß der Glaube in die Zukunft und die Sehnsucht nach neuen Welten seinerzeit waren. In ihrem künstlerischen Universum entwarf sie eine ebensolche Sehnsuchtswelt[6].

Wie ihre männlichen Kollegen brachen auch die Frauen in der Kunst die Wirklichkeit auf Formen und Farben herunter und beschritten so den Weg der Abstraktion. Die Geometrie lieferte eine neue Formensprache, die ihnen mehr galt als die kontingenten Gestalten der Natur, weil sie tiefere Strukturen der Realität zu erfassen vermochte. Besonders die ausdrucksstarke Farbbehandlung hob die Kunst der Sturm-Frauen von gängigen Konventionen ab. Farben wurden mehr denn je zu autonomen Bedeutungsträgern und die Werke gewannen, den turbulenten Umständen gemäß, unter denen sie entstanden, an Intensität. Sie sind das Kondensat von Lebensbedingungen und Künstler(innen)seele, zeitgebunden und überzeitlich zugleich. Dies ist der Stoff, aus dem Meisterwerke geschaffen sind.

Die Sturm-Frauen verdienen daher mehr als eine beiläufige Erwähnung in der glorreichen Geschichte der klassischen Avantgarden. Sie prägten die Jahre zwischen 1910 und 1932 womöglich nicht so publikumswirksam wie ihre männlichen Pendants – und dennoch nicht weniger nachhaltig. Der größte Gefallen, den man ihnen tun kann, ist es wohl, ihre Werke nicht als „Werke von Frauen“ zu betrachten, sondern für sich selbst sprechen zu lassen. Als Ausdruck einer eigenständigen Künstlerinnenpersönlichkeit. Als Ausdruck eines Ich mit großem I.

Autor: Arik Jahn

In Zusammenarbeit mit Parkstone International, http://parkstoneinternational.wordpress.com und http://ebook-gallery.com/

Links:
[1] man lese nur den damaligen Ankündigungstext
[2]Sturm-Frauen der Jahre 1910-1932
[3]Digitorial
[5]einige beinahe Street Art-hafte Porträts von Gabriele Münter

Notizen:
[4]Sein bürgerlicher Name war Georg Lewin. Die Sturm- und erste Ehefrau Waldens Else Lasker-Schüler gab ihm dieses Pseudonym. Sie erfand außerdem den Namen „Der Sturm“ – und ist nebenbei gesagt die vielleicht größte deutsche Dichterin des 20. Jahrhunderts.
[6]Zu bestaunen beispielsweise in dem Film „Aelita“ (1924), zu dem sie die Kostüme entwarf: https://www.youtube.com/watch?v=je1bIhS-7G8#

Quellen:
Kowtun, Jewgeni: Russische Avantgarde, New York u.a.: Parkstone International 2007.
http://www.schirn.de/de/magazin/kontext/sturm_frauen_kuenstlerinnen_der_avantgarde_in_berlin_19101932/
http://schirn.de/sturmfrauen/digitorial/
http://www.tagesspiegel.de/kultur/100-jahre-der-sturm-herwarth-walden-goldblond-ist-heute-die-nacht/6342510.html