Georges Seurat und Paul Signac

Dick und Doof der Kunst der Moderne

26 SEPTEMBER 2016
Georges Seurat, "Badende bei Asnières", 1884. Öl auf Leinwand, 201 x 300 cm. National Gallery, London.
Georges Seurat, "Badende bei Asnières", 1884. Öl auf Leinwand, 201 x 300 cm. National Gallery, London.

Seurat und Signac, Signac und Seurat. Warum fallen diese beiden Namen unweigerlich gemeinsam? Google weiß: „Georges-Pierre Seurat war ein französischer Maler und, neben Paul Signac, wichtigster Vertreter des Pointillismus. “ Der Pointillismus wiederum war ein Kunststil der vorletzten Jahrhundertwende. Seurat und Signac waren für die Kunst der Moderne also gewissermaßen das, was Dick und Doof für den Slapstickfilm waren: Nicht die Pioniere, nicht die größten Namen ihrer Zunft (man denke an Charlie Chaplin oder Buster Keaton, Monet oder van Gogh), aber ganz entscheidende Weichensteller. Doch um das zu verstehen, müssen wir ganz von vorne anfangen: Wer waren Seurat und Signac? Und wie haben sie Farben zum Leuchten gebracht?

Georges Seurat (1859-1891) starb mehr als vierzig Jahre vor Paul Signac (1863-1935). Die Diphtherie streckte ihn schon im Alter von einunddreißig Jahren nieder. Beide lebten in Paris, wie es sich für französische Künstler des ausgehenden 19. Jahrhunderts, genau genommen für französische Künstler ganz generell, gehört. Nur einige Monate vor Signacs Geburt im November 1863, Seurat konnte gar schon laufen, hatte Édouard Manet das Frühstück im Grünen im Salon des Refusés ausgestellt. Neun Jahre später folgte Claude Monets Impression, Sonnaufgang (1872). Die künstlerische Moderne war geboren und auch ihre erste große Strömung hatte nun ihren – anfangs durchaus spöttisch gemeinten – Namen: Impressionismus.

Während Seurat und Signac – noch wussten sie voneinander nichts – zu sprechen begannen, rechnen lernten und frühkindliche Kritzeleien anfertigten, machte sich die Kunst auf in ein neues Zeitalter: Der Künstler schrieb sich nunmehr für jeden sichtbar seinen Gemälden ein. Nicht Wirklichkeitstreue war das Gebot der Stunde – das vermochte die Fotografie mittlerweile besser –, sondern Darstellung der Wirklichkeit, wie sie sich dem Betrachter, also: dem Künstler, darbot. Impressionen eben.

Der impressionistische Paradigmenwechsel war so einfluss- und folgenreich, dass das, was ihm nachfolgte, Postimpressionismus genannt wurde. Vincent van Gogh, Paul Gauguin oder auch Henri de Toulouse-Lautrec – sie alle waren Postimpressionisten. Ebenso wie Seurat und Signac. Doch wie hatten sie sich das „Post-“ verdient? Die neue, im Bild unmittelbar greifbare Präsenz des Künstlers blieb. Doch die junge Generation gab sich nicht mehr damit zufrieden, einen Sinneseindruck wiederzugeben. Seurat und Signac beispielsweise erfanden das, was Seurat Divisionismus, Signac Pointillismus und die Nachwelt – um die die Verwirrung komplett zu machen – gerne auch Neoimpressionismus nannte. Anstatt den Sinneseindruck gefühlsecht auf die Leinwand zu bringen, setzten die Pointillisten ihn aus einfarbigen, ungemischten Pinselstrichen oder – daher der Name Pointillismus von frz. point – aus reinen Farbpunkten zusammen.

Das Bild wurde so einerseits abstrakter, da auf seine Grundelemente – hier die Farbpunkte – reduziert, andererseits intensiver in seiner Farbwirkung. Das Zusammenspiel reiner Farben würde sich, so die Theorie der Pointillisten, erst im Auge des Betrachters vollenden und so unter anderem ungekannte Lichteffekte erzeugen. Im wahrsten Sinne des Wortes schillerndstes Beispiel dieser neuen Kunstrichtung ist Seurats Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte (1884-1886) in der Londoner National Gallery. Und müssen wir nicht zugeben, dass die Pointillisten recht hatten? Meine persönlichen Favoriten sind die leuchtend grünen Baumkronen und das Äffchen an der Leine vorne rechts, aber man beachte auch das sonnenbeschienene Bein des Mannes in der linken unteren Bildecke. Selten hat ein Gemälde den Blendeffekt natürlichen Lichtes auf weißer Oberfläche besser zur Geltung gebracht. Ferner fällt Seurats Hang zur Darstellung der Figuren im Profil auf, der auf seine Liebe zur Kunst der alten Ägypter und Griechen zurückzuführen ist und die absichtsvolle Konstruiertheit des Bildganzen betont. Seurat lässt keinen Zweifel daran, dass er sich von der Wirklichkeit emanzipiert hat.

In ebendieser Wirklichkeit hatte er sich jedoch bereits 1884 mit dem künstlerischen Autodidakten Paul Signac angefreundet, nachdem dieser Seurat begeistert auf dessen vor-pointillistisches Gemälde Badende bei Asnières (1884) angesprochen hatte. Seurats neuer Kunststil fand so seinen enthusiastischsten Anhänger.

Signacs Interesse galt, ganz in der Tradition des Impressionismus, vor allem der Landschaftsmalerei. Und da er Wasser und Boote besonders mochte, war Venedig eines seiner Lieblingsmotive. Canal Grande, Venedig (1905) entstand lange nach Seurats Tod, aber noch ganz im pointillistischen Stil. Die Punkte sind Formen gewichen, die an byzantinische Mosaike erinnern. Doch noch immer sind sie einfarbig, rein, und erzeugen so eine einzigartige Bildwirkung.

Vergleichen wir das Werk mit dem eines anderen großen Venedigliebhabers, William Turner, so fällt deutlich der erhöhte Abstraktionsgrad auf, den Signac erreicht hatte. Venedig, vom Portal der Madonna della Salute gesehen (1835) bezeugt eindrucksvoll, dass Turner schon dreißig Jahre vor seinen französischen Brüdern im Geiste auf dem Weg hin zur impressionistischen Malerei war. Das Licht lässt Boote, Wasser, Himmel, Menschen und Palast förmlich verschmelzen. Diesen optischen Effekt erreicht er, indem er Farben übereinanderlegt.

Signac tut das glatte Gegenteil. Er löst den momentanen Eindruck in seine farblichen Urelemente auf, ganz so, wie sich Licht in seine Spektralfarben zerlegen lässt. Und in der Tat entsteht so im Auge des Betrachters ein intensiverer Farbeindruck als noch bei Turner, am prächtigsten zu bewundern an den typisch venezianischen Dalben in der linken unteren Bildecke. Wenn Turner also der Meister des Lichts war, so dürfen wir die Pointillisten mit gutem Recht Meister der Farbe nennen.

Vincent van Gogh liebte sie dafür und machte selbst pointillistische Experimente. Picassos Spanische Tänzerin (1901) erinnert an Seurats und Signacs Kunststil. Auch einige von Wassily Kandinskys frühen Bildern sind offenkundig durch den Pointillismus inspiriert. Und hat nicht Piet Mondrian in seinen berühmtesten Werken, als die Kunst längst abstrakt geworden war, reinfarbige Quadrate nebeneinander angeordnet? Seurat und Signac, Signac und Seurat – sie waren wahrhaft Weichensteller der Moderne.

Autor: Arik Jahn

Quellen:
Victoria Charles (Hrsg.): Paul Signac, New York u. a.: Parkstone International 2013.
Lucie Cousturier: Seurat, New York u. a.: Parkstone International 2013.
http://www.metmuseum.org/toah/hd/seni/hd_seni.htm
http://www.le-pointillisme.com/paul-signac.html

In Zusammenarbeit mit Parkstone International und Ebook Gallery