Jan Tichy. Weight of Glass

12 Nov 2016 — 17 Jan 2017 in der Galerie Kornfeld in Berlin, Deutschland

15 NOVEMBER 2016
Lucia Moholy, Meisterhäuser. Atelierfenster, eines Doppelhauses mit Kippflügel, o.J. (nicht datiert | not dated), S/W Fotografie, b/w Photography, 21,8 x 16,3 cm | 8 2/3 x 6, 1/2 in, Unikat | unique. Courtesy of Galerie Kornfeld
Lucia Moholy, Meisterhäuser. Atelierfenster, eines Doppelhauses mit Kippflügel, o.J. (nicht datiert | not dated), S/W Fotografie, b/w Photography, 21,8 x 16,3 cm | 8 2/3 x 6, 1/2 in, Unikat | unique. Courtesy of Galerie Kornfeld

Parallel zur Ausstellung „Jan Tichy: Installation Nr. 29 (Neues Rathaus)“, der ersten institutionellen Einzelausstellung von Jan Tichy in Deutschland in der Kunsthalle in Osnabrück, präsentiert die Galerie Kornfeld den in Chicago lebenden Künstler mit der Ausstellung „Weight of Glass“. Die beiden Ausstellungen werden verbunden durch „German Nature“ (2016), eine Neonarbeit, die in Osnabrück ebenso wie in Berlin mit Hilfe von Lichtsignalen die neuen Sprachen aufzeichnet, die mit der Ankunft von über einer Million Flüchtlingen die deutsche Landschaft bereichern. Die Ausstellungen werden von einem gemeinsamen Katalog begleitet.

Nachdem Jan Tichy 2012 die Gestaltung der László Moholy-Nagy Ausstellung „Education of Senses“ im Loyola Art Museum in Chicago übernahm, bekam er durch die László Moholy-Nagy Foundation in Chicago die einzigartige Gelegenheit, mit originalen Filmaufnahmen zu arbeiten, die Moholy-Nagy 1936 in London gedreht hatte.

Moholy-Nagy, einer der Bauhaus-Meister, hielt sich nach seiner Flucht aus Deutschland für kurze Zeit in London auf, bevor er nach Chicago weiterzog. Die abstrakten, schwarz-weißen Filmaufnahmen entstanden im Auftrag von H.G. Wells für dessen visionären Science Fiction-Film „Things To Come“. Im vollendeten Film finden sich nur wenige Sekunden von Moholy-Nagys abstrakter Vision einer gläsernen Stadt in den Sequenzen, die den Wiederaufbau der Stadt „Everytown“ nach den Verwüstungen des Krieges und damit die Utopie einer neuen, reineren Zeit zeigen. Der Name des Künstlers taucht in den Credits nicht auf. Die von Moholy-Nagy verwendeten Techniken Reproduktion, Multiplikation und Schichtung sowie die Verwendung vieler kurzer und kürzester Sequenzen nutzte Jan Tichy auch für sein Werk, das die vier Szenen mit insgesamt achtzig Sekunden Filmmaterial von Moholy-Nagy zu einem Panorama von drei parallel abgespielten Videos mit einer Gesamtlänge von fünfeinhalb Minuten neu zusammensetzt; eine neue Stadtlandschaft entsteht, die beiden Künstlern gleichermaßen zuzuschreiben ist.

„Things To Come 1936–2012“ wird in der Galerie Kornfeld seine Deutschlandpremiere erleben. Auf Einladung der Galerie Kornfeld verbrachte Jan Tichy im Winter und im Sommer 2016 insgesamt drei Monate in Deutschland, wo er sowohl intensive Recherchen am Bauhaus in Dessau und Berlin betrieb als auch auf die aktuelle soziale und politische Situation des Landes reagierte und beide Themen schließlich miteinander verband. Tichys in Chicago entstandene Interpretation von Moholy-Nagy wird nun aus einer veränderten Berliner Perspektive hinterfragt.

„Installation no.30 (Lucia)” (2016) sowie das Video „Negatives Missing“ (2016) folgen den aktuellsten Forschungen zum Schicksal der Fotografien von Lucia Moholy, der ersten Ehefrau von László Moholy-Nagy, die Robin Schuldenfrei kürzlich publizierte. Lucia Moholy dokumentierte die Entwicklung des Bauhauses von Beginn an, musste bei ihrer Flucht vor den Nazis im Jahr 1933 aber all ihre Glasnegative in Berlin zurücklassen. Das Gewicht dieser Glasnegative ist heute mit dem Gewicht all der Lebensgüter befrachtet, welche die aktuell nach Deutschland und Europa fliehenden Menschen in ihrer Heimat zurücklassen müssen. Wenn sie mit Hilfe von Licht erneut zum Leben erweckt werden, bewahren die 330 Glasnegative, die niemals zu Lucia Moholy zurückgekehrt sind, ihr imaginäres Potenzial bis heute. „Installation no.30 (Lucia)” ist eine Einkanalvideoprojektion auf 330 Glasplatten, die den Galerieraum mit Reflektionen füllen, die denen gleichen, die László Moholy-Nagy für „Things To Come“ geschaffen hat: ein architektonisch gestalteter Ausschnitt von „Everytown“ mit dem Versprechen des Bildes einer imaginären Architektur.

Zwei Fotografien, die der Künstler während seines ersten und seines letzten Berlinaufenthaltes 1989 und 2016 anfertigte, sind ebenso Teil der Ausstellung wie zwei Fotogramme, die uns zu einer Reise in die Dunkelkammer unterhalb der Meisterhäuser in Dessau einladen. Das Video „100Raw“ (2008) entstand als direkte Antwort des Künstlers auf „Production: Reproduction“, einen der wichtigsten Texte der beiden Moholys, der möglicherweise in ebendieser Dunkelkammer in Dessau entstanden ist. Das Video zeigt die ersten 100 Fotografien, die Jan Tichy nach seiner Ankunft in Chicago aufgenommen hat, im sogenannten RAW-Format, das die verlustfreie Speicherung von Fotografien erlaubt. Parallel zu den Fotografien hört man den Sound, der entsteht, wenn man dieselbe Datei nicht mit einer Bild- sondern mit einer Audiosoftware öffnet.

Jan Tichy ist ein zeitgenössischer Künstler, der an der Schnittstelle von Video, Skulptur, Architektur und Fotografie arbeitet. Seine konzeptuellen Werke sind sozial und politisch engagiert. Der Künstler wurde 1974 in Prag geboren, studierte Kunst in Israel und erhielt seinen Master of Fine Arts an der School of the Art Institute of Chicago, wo er heute eine Assistenzprofessur im Department of Photography and the Department of Art & Technology Studies hält. Das MCA Chicago, das Santa Barbara Museum of Art, das Wadsworth Atheneum Museum of Art, das Museum of Contemporary Photography in Chicago, das Chicago Cultural Center, das Tel Aviv Museum of Art und das CCA Tel Aviv zeigten Einzelausstellung des Künstlers. 2011 gründete er „Project Cabrini Green“, ein kommunales Kunstprojekt, welches das letzte Hochhaus des Cabrini Green Housing Projects während seines einmonatigen Abrisses mit gesprochenen Worten illuminierte. 2014 begann Tichy mit dem „Heat Light Water Project“ in Gary (Illinois), einem kommunalen Langzeitprojekt, das von der Nea, der größten US-amerikanischen Gewerkschaft, unterstützt wird. Seine Werke finden sich in so bedeutenden Sammlungen wie dem Museum of Modern Art in New York, dem Israel Museum in Jerusalem, der Magasin Stockholm Kunsthall oder dem Indianapolis Museum of Art. Kürzlich war sein Video „Things To Come (1936–2012)“ im Begleitprogramm der großen László Moholy-Nagy-Retrospektive im New Yorker Guggenheim Museum zu sehen.